Martin Kohlstedt

08.11.2018
Posthalle
WĂŒrzburg

Wenn Martin Kohlstedt seine nĂ€chste große Tour zu seinem neuen, hochgelobten Album „Strom“ beginnt, dann hat er nicht nur sein lang erwartetes, neues Album im stetig schwerer werdenden GepĂ€ck.

T i c k e t s

'Neu' ist fĂŒr Martin Kohlstedt eh ein ĂŒberholtes Konzept - seine Musik verliert im Konzertsaal modische Kontexte und existiert nur noch im elektrisierenden, immer fließenden Jetzt. Improvisation und Spielfreude sind die fĂŒr Fans inzwischen vertrauten Grundpfeiler von Kohlstedts so betitelten 'modularen Kompositionen'. Die kommenden StĂŒcke werden daran zum GlĂŒck nichts Ă€ndern, nur unerprobte Bausteine mit auf den zu pflasternden Weg geben. Das klingt nach Arbeit und ist es auch. Zwischen rasenden KlavierschlĂ€gen und reißenden SynthieflĂ€chen ist das Publikum mit gefordert, denn Kohlstedt prĂ€sentiert keinen in Klassik und Jazz gekleideten Pop, sondern anspruchsvolle Rituale des Kontemplierens, der Extase oder - sogar das ist möglich - des Scheiterns. EingĂ€ngige Melodien und der Blick fĂŒr die Schönheit im Einfachen gehen dennoch nicht verloren, schließlich zieht er aus voller Überzeugung seinen Bauch dem Kopf vor. Nur eines steht deswegen jetzt schon fest: Martin Kohlstedts Reisesack ist eben ziemlich voll.

 

Die Klaviertöne schweben wie schillernde Partikel im trĂŒben Wasser. Sie tĂ€nzeln leicht umher, springen von hier nach da in kleinen Verwirbelungen. Es ist eine trĂŒgerische, engstirnige Idylle, denn gemeinsam treiben die Teilchen unausweichlich auf die nĂ€chsten Stromschnellen zu. Kaskaden aus Brechungen und VerstĂ€rkungen - das sich anbahnende Chaos wird die KlĂ€nge fortreißen, ihre Strukturen ĂŒbertönen und in anderer Form neu aufschichten. Im Rausch verschwindet das Einzelne, wird absolut bedeutungslos. Aber kein Sog hĂ€lt ewig und wenn die Dinge wieder zur Ruhe gekommen sind, dann ist selbst der kleinste Klang sonderbar aufgeladen mit der Kraft, ganze Landschaften umgeformt zu haben...

 

Martin Kohlstedts Opus »Strom« ist ein Handstreich der Unbarmherzigkeit, das Klavier den Elementen auszusetzen. Im Fluss der 9 StĂŒcke löst sich der Komponist auf und macht Musik in ihrer ureigensten Dynamik erfahrbar. Man wird Zeuge davon, wie sich NĂ€he und IntimitĂ€t zu Weite und Gewalt wandeln, sowie Schönheit in alledem zu finden ist – vor allem aber im Vergehen. Konsequent entwickelt »Strom« dabei verschiedenste Formwelten, erscheint neblig gefĂ€hrlich, dann wieder ganz direkt, fast verspielt, bis hin zum Erstarren vor der eigenen GrĂ¶ĂŸe. Allerdings wurden fĂŒr »Strom« keine Pointen erdacht und keinerlei Maß genommen. Stattdessen wirkt es so, als ob Martin Kohlstedt es geschafft hĂ€tte, der Intuition ein Monument zu bauen.

Dabei sind unabĂ€nderliche DenkmĂ€ler gar nicht Kohlstedts SpezialitĂ€t, ganz im Gegenteil. Bekannt geworden ist der ThĂŒringer vor allem fĂŒr die Energie und Unberechenbarkeit seiner Konzerte. Nach zwei Solo-Piano Alben legte er Schablonen fĂŒr das Instrument ab und entwickelte seine eigene SelbstverstĂ€ndlichkeit, Elektronik und Effekte so zu spielen, als seien sie nur weitere Tasten auf der schwarzweißen Klaviatur. »Strom« ist Martin Kohlstedts drittes Studioalbum und ebenso ein Destillat dieser Entwicklung wie auch ein Blick in die Zukunft: Bevor der Komponist auf sein Publikum trifft, prallt er in diesem Raum mit sich selbst zusammen. Inszenierung ist hier fehl am Platz. Sound und Struktur treten hinter den Wunsch, mit der Musik andere Orte zu erreichen. Man hört dem nach – seinen HĂ€nden, die all die Arbeit verrichten, feinfĂŒhlig und grĂ¶ĂŸenwahnsinnig zugleich. Und bleibt doch ganz bei sich, wie auf seinen Konzerten. Mehr braucht man ĂŒber Martin Kohlstedt nicht zu wissen.

 

Einlass: 19:30 Uhr / Beginn: 20:30 Uhr