TRADE WIND + MODERN COLOR + SCOTT RUTH

29.04.2019
Z-Bau
NĂŒrnberg

THE WORD ALIVE EU/UK TOUR 2019

Der Passat, im englischen trade wind genannt, ist nicht gerade fĂŒr sein ungestĂŒmes Temperament bekannt. Umso zentraler fĂŒr seine Bedeutung ist seine BestĂ€ndigkeit und die Tatsache, dass ein hart am Passatwind segelnder KapitĂ€n sein Ziel schneller als alle anderen erreicht.

T i c k e t s

Einen passenderen Bandnamen hĂ€tten sich Trade Wind also kaum aussuchen können. Denn wo sich die einzelnen ĂŒber ganz Nordamerika verstreuten Mitglieder in ihren Hauptbands Stick To Your Guns, Stray From The Path und Structures eher an zĂ€hnefletschendem Hardcore versuchen, setzt die Allstar-Band mit ihrem DebĂŒtalbum „You Make Everything Disappear“ eher auf die Vorsilbe „Post“ und einen konstanten musikalischen Flow statt kurzatmige AusbrĂŒche. Temperamentvolle Wut weicht darauf raumgreifenden Soundlandschaften, fein ziselierten Melodien und einer gefĂŒhlvollen Melancholie, die auf den GefĂŒhlstumult nach dem Ende der letzten Beziehung von SĂ€nger und Gitarrist Jesse Barnett zurĂŒckgeht.

 

Dabei hĂ€tte es diese Posthardcore-Perle, die nicht nur alphabetisch, sondern auch musikalisch in der Nachbarschaft von Bands wie Thursday und Thrice wohl fĂŒhlt, beinahe nicht gegeben. „Die Idee zu TRADE WIND entstand schon 2011, als wir mit Toms Band Stray From The Path auf Tour waren“, erzĂ€hlt Barnett, der sich normalerweise bei Stick To Your Guns den Frust von der Seele schreit. „Es sollte nie mehr sein als unser kleines privates Projekt. Weil wir an entgegengesetzten Ecken des Kontinents wohnen, fand das Songwriting fast komplett per Mail statt.“ Was fĂŒr andere Bands zum Stolperstein werden kann, gerĂ€t fĂŒr das Allstar-Projekt, an dem neben Barnett und Tom Williams noch Schlagzeuger Andrew McEnany von Structures aus Toronto und der eigentlich in als Produzent tĂ€tige Randy LeBoeuf am Bass mitwirken, zum Vorteil. Nach der ersten EP „Suffer Just To Believe“, die in der BlogosphĂ€re mit Reviews bei renommierten Online-Magazinen wie Substream und Under The Gun bereits kleinere Wellen schlĂ€gt, und einer Reihe Shows im Januar 2015 findet sich die Band Anfang 2016 in LeBoeufs Studio in New Jersey zusammen, um „You Make Everything Disappear“ innerhalb von nur vier Tagen komplett einzuspielen – der intensiven Online-Vorbereitung sei Dank.

 

Das Ergebnis dĂŒrfte vor allem Fans der angepissten Hauptbands der einzelnen Mitglieder ĂŒberraschen. Zwar bringt beispielsweise der Opener „I Hope I Don’t Wake Up“ noch den gewohnten Drive und die unterschwellige AggressivitĂ€t mit, die Stick To Your Guns und Stray From The Path ausmachen und mit denen die Band auch auf ihrer ersten EP punkten konnte. An Stelle von wuchtigen Shouts und druckvollen Riffs treten hier allerdings Gitarrenmelodien, die sich zu gleichen Teilen aus Posthardcore, Postrock und Alternative Rock speisen und ein atmosphĂ€risches Netz spinnen, das den hochmelodischen Gesang von Barnett passgenau umschließt. „Wir wollten diesen Song aus verschiedenen GrĂŒnden als erstes veröffentlichen“, erklĂ€rt Barnett. „Wir mögen die Power des Songs, es ist ein großer, offen angelegter, von GefĂŒhlen durchzogener Track. Das ist fĂŒr uns beinahe das wichtigste. Zudem ist es der Song, der unserer EP noch am ehesten Ă€hnelt. Auf der neuen Platte probieren wir viele Dinge, die ganz anders sind als auf unserem ersten Release, wir dachten also, dass sich die Leute, die schon Fans unserer Band sind, mit diesem Track am besten identifizieren und ihren Geist fĂŒr das öffnen könnten, was wir auf der Platte versuchen, dass sie also mit uns gemeinsam auf die musikalische Reise gehen.“ 

 

  Dass diese Reise nicht an flĂ€chigem Posthardcore endet, zeigt schon der Folgesong „Lowest Form“, der elektronische Drum-Samples an dĂŒster-grungige Gitarrenriffs und Barnetts sphĂ€rischen Gesang knĂŒpft, bevor sich der Chorus in Richung frickeligen Postrock öffnet – eine musikalische Mischung, die der Band gut zu Gesicht steht. Selbst wenn sich Trade Wind an einer gefĂŒhlvollen Pianoballade wie „Untitled“ oder elektronischerem Alternative-Pop versuchen, und auf dem pulsierenden „Grey Light“ Kopfstimme, Akustikgitarre und Drumcomputer mischen und damit an Bands wie The Temper Trap erinnern, wirkt es nicht wie ein gezwungener Exkurs außerhalb der musikalischen Komfortzone der Band, sondern wie eine natĂŒrliche Entwicklung und ein willkommener Gegenpol zum sonstigen Output der Mitglieder der Band – ohne Vorbehalte und ohne kĂŒnstliche EinschrĂ€nkungen. „Wir haben zuerst einen Fehler gemacht, den viele Bands machen und ĂŒberlegt ‚Okay, was wĂŒrden Trade Wind jetzt machen?‘ Das war fĂŒr uns ziemlich schwierig. Also dachten wir uns ‚Scheiß drauf‘ und haben das geschrieben, was aus uns heraus musste. Es sollte nicht bewusst in eine bestimmte Richtung gehen, es war ein natĂŒrlicher Prozess, beinahe eine spirituelle Erfahrung. Wir sind so eine junge Band mit nur einer EP, es war also nicht zu spĂ€t, zu experimentieren.“  Auch textlich experimentieren die Musiker mit einem ĂŒbergreifenden Konzept und blicken ĂŒber den Standard-Hardcore-Tellerrand hinaus. „You Make Everything Disappear“ ist musikalische Katharsis in Form der Verarbeitung einer gescheiterten Beziehung und Barnetts Weg, mit seiner Vergangenheit ins Reine zu kommen. „Das Album erzĂ€hlt die Geschichte von allem, was ein Mensch fĂŒhlen kann wenn er etwas verliert, das er von ganzem Herzen liebt“, so Barnett. „Wenn er gefangen ist zwischen zwei Dingen, die ihn glĂŒcklich machen und die ihm beide alles abverlangen. Manchmal muss man sich davon abwenden, auch wenn es einem schwerfĂ€llt.“  

 

Das ins Albumformat gegossene Ergebnis ist der beste Beweis dafĂŒr, dass es sich immer lohnen kann, eigene und fremde Erwartungen ĂŒber Bord zu werfen und sich mit leichter Ladung dort hin tragen zu lassen, wohin einen der Wind treibt. Trade Wind haben die Transformation von einer noch deutlicher vom Hardcore beeinflussten Band auf „Suffer Just To Believe“ hin zu einem musikalischen Kollektiv vollendet, das sich nicht vor dem Beschreiten neuer Wege scheut und sich die frische Brise nicht nur um die Nase wehen lĂ€sst, sondern aus eigenem Antrieb fĂŒr ordentlich Schub sorgt – bestĂ€ndig und die Augen stets auf das Ziel gerichtet.

 

  „You Make Everything Disappear“ erscheint am 15. Juli via End Hits Records in diversen Vinylfarben und Varianten. Alle Infos finden sich auf www.youmakeeverythingdisappear.com/

 

Einlass: 19 Uhr / Beginn: 20 Uhr